Die philippinische Wahrheitskommission, ein unabhängiges Gremium unter der Leitung zivilgesellschaftlicher Gruppen, hat mit dem Aufbau eines umfassenden Registers der Opfer begonnen, die während des sogenannten „Kriegs gegen die Drogen“ des ehemaligen Präsidenten Rodrigo Duterte getötet wurden.
Die Initiative, die darauf abzielt, widersprüchliche Angaben zur Zahl der Todesopfer zu harmonisieren, erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem Duterte sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag wegen seiner mutmaßlichen Rolle bei Tausenden von außergerichtlichen Hinrichtungen verantworten muss. Am 29. September 2026 rief die Kommission die Familien der Opfer sowie Organisationen, Anwält:innen, Journalist: innen und Forscher:innen dazu auf, ihre Unterlagen in das neue Register einzubringen.
Offizielle Polizeizahlen beziffern die Zahl der Todesopfer im Drogenkrieg auf rund 6.000, doch lokale und internationale Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass zwischen 2016 und 2022 bis zu 30.000 Menschen getötet worden sind.
Bono Olgado, Leiter der Abteilung für Dokumentation, Archivierung und Gedenkarbeit bei der Kommission, erklärte, seine Gruppe suche nach Wegen, eine gemeinsame Plattform aufzubauen, die bestehende Aufzeichnungen miteinander verknüpft und gleichzeitig die Menschen und Gemeinschaften schützt, die diese Aufzeichnungen führen. Anstatt alle Informationen zu zentralisieren, möchte die Kommission fragmentierte Dokumentationen zusammenführen, um ein genaueres Bild der menschlichen Folgen des Drogenkriegs zu erstellen.
Die Kommission hält öffentliche Anhörungen ab, um die Schilderungen der Überlebenden und die entsprechenden Beweise offiziell zu dokumentieren. Bei ihrer dritten öffentlichen Anhörung am 25. September 2026 berichtete Clarita Alia, eine 72-jährige Gemüsehändlerin aus Davao City, wie sie zwischen 2001 und 2007 ihre vier Söhne durch Morde verlor, die ihrer Überzeugung nach von der sogenannten „Davao Death Squad“ verübt wurden.
Alia sagte, ihre Söhne seien getötet worden, nachdem sie sich geweigert hatte, die Polizei ihren ältesten Sohn ohne Haftbefehl festnehmen zu lassen. Richard, 18, starb am 17. Juli 2001; Christopher, 16, drei Monate später; Bobby, 14, am 3. November 2002; und Fernando, 15, am 13. April 2007. Sie räumte ein, dass ihre Söhne mit der Polizei in Konflikt geraten waren, doch da sie lediglich Verdächtige waren, hätten sie festgenommen und nicht getötet werden müssen.
Nach zwei Jahrzehnten stellte Human Rights Watch fest, dass die Morde an Alias Söhnen nach wie vor nicht strafrechtlich verfolgt wurden und die Täter immer noch auf freiem Fuß sind.
Die Wahrheitskommission will klären, was die Behörden wussten und welche Maßnahmen – wenn überhaupt – zur Aufklärung dieser Todesfälle ergriffen wurden. Sie möchte zudem verstehen, warum trauernden Müttern wie Alia Gerechtigkeit versagt blieb und wie ängstliche Zeug:innen besser geschützt werden können.
Aussagen von „reumütigen“ Polizeibeamt: innen, die an den Tötungsvorfällen beteiligt waren, sind bei der Wahrheitskommission ebenfalls willkommen, sagte deren Vorsitzender Raul Pangalangan.
Pangalangan äußerte die Hoffnung, dass sich Polizeibeamt:innen, die ihre Beteiligung inzwischen bereuen, melden könnten, und fügte hinzu, dass die Kommission nicht nur Opfer und deren Familien, sondern auch Beamt:innen und Regierungsmitarbeiter:innen einbeziehen wolle, die am „Krieg gegen die Drogen“ beteiligt waren.
Die Philippinische Nationalpolizei reagierte mit zurückhaltender Unterstützung und erklärte, sie „begrüße jede unabhängige Initiative, die darauf abzielt, unserer Nation Klarheit und Heilung zu bringen“.
Obwohl ihr Fall nicht Teil der Ermittlungen des IStGH zu Dutertes „Krieg gegen die Drogen“ ist, hofft Alia, dass ihre Aussage weitere Hinterbliebene dazu inspirieren wird, ihr Schweigen zu brechen.
Foto © Raffy Lerma
